Körperwelten

by Michael Urspringer - 07.02.2004

Freitag waren wir in Gunther von Hagens’ Ausstellung “Körperwelten”:http://www.koerperwelten.de/ in Frankfurt.

Nun, ich kann nur bestätigen, was ich mir vorher schon gedacht hatte: Die Ausstellung ist sehr interessant und sehr gut gemacht. Aber ich kann einfach nicht nachvollziehen, was für ein Wirbel um sie gemacht wird.

Ich fand keines der Ausstellungsstücke irgendwie unästhetisch, eklig oder sonst wie abstossend. Vielmehr kommen einem die einzelnen Exponate wie künstliche Objekte vor, so wie man sie aus dem Biologieunterricht kennt. Man muss sich immer wieder selber ins Gedächtnis rufen, dass die Stücke ja tatsächlich von “echten” Menschen stammen.

Am meisten beeindruckt hat mich der Mensch, der seine eigene Haut in der Hand hält. Bei Tieren ist das ja irgendwie was Alltägliches über das man sich keine großen Gedanken macht. Wenn aber dann ein Mensch mit seinem “Fell” in der Hand neben einem steht, ist das doch ein wenig ein komisches Gefühl.

Interessant waren auch die Körperteile, die krankhaft verändert waren. Z.B. ein Herz nach einem Herzinfarkt, eine Raucherlunge, eine Fettleber usw. Übrigens hatten fast alle Exponate eine Raucherlunge, merkwürdiger Zufall?

Die Ausstellung war an diesem Abend gut besucht, aber nicht voll. Es hätte auch ohne vorbestellte Karten keine Wartezeit gegeben. Das Publikum war überwiegend sehr jung, viele so um Anfang/Mitte 20 und jünger. Vermutlich auch viele Biologie- und Medizinstudenten, wie man den angeregten Diskussionen über den exakten lateinischen Namen des Muskels hier oder des Knochens dort entnehmen konnte.

Alles in allem wie gesagt eine sehr interessante Ausstellung in der die fast 2,5 Stunden wie im Fluge vergingen. Und ich kann die Aussage des jungen Mannes (“… gerade noch am Rande des Erträglichen …”) am Ausgang bei der Frage, wie es ihm gefallen habe, nicht teilen.

Aber ich denke jeder muss für sich entscheiden was er davon hält, und die Kritiker der Ausstellung müssen ja nicht hingehen, wenn sie damit ein Problem haben.

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3 Responses to Körperwelten

  1. So ähnlich habe ich es auch empfunden, als die Körperwelten Mitte letzten Jahres in München waren. Mein grösste Sorge damals war, es könne ‘komisch riechen’. Das hätte mich gestresst. So aber war es eine seltsame Mischung aus Kunst und Biologie.

  2. Ich fand’s auch sehr interessant, allerdings stressig wegen der vielen Eindrücke. (An die Skandale rundherum muss man ja nicht gerade denken.) Und ich kann mir vorstellen, dass es für Fachleute wie Mediziner/Medinzinstudenten sicher hochinteressant ist. Klar, einige Exponate sind etwas ZU publikumswirksam präsentiert, z.B.die Schwangere, aber “klappern gehört zum Handwerk” und mit dieser Ausstellung soll ja auch Geld verdient werden. Eklig ist sie keinesfalls.

  3. Jörg [Besucher] says:

    Es geht bei der Kritik nicht um “Ekel” sondern “Ethik”.
    Bsp: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=40378
    Das ist etwas ganz anderes. “Die Beziehung zwischen Anatom und Körperspender ist wie diejenige zwischen Arzt und Patient.” (Prof. Korf in dem verlinkten Artikel) Für Hagens gilt daher diegleichen ethischen Grundsätze wie für andere Ärzte. Offenkundig ist, dass nicht alle Spender in Hagens Austellung zu Lebzeiten dieser Präsentation eingewilligt haben.
    Viellicht sollte man mal darüber nachdenken: “Denjenigen, die behaupten, dass die Verfügungsgewalt eines Menschen über seinen Körper mit dem Tod ende, dass es also rechtens sei, den Körper einer namenlosen asiatischen Schwangeren samt ihrem Fötus oder den eines hingerichteten chinesischen Menschen für anatomische Zwecke zu verwenden – denen ist entgegenzuhalten, dass es nur ein kleiner Schritt vom Töten wegen eines Verbrechens zum verbrecherischen Töten wegen eines Körpers ist. Die Grenze wurde in Deutschland während des Dritten Reiches sehr oft überschritten. Die Missachtung des Willens der Toten, die nie gefragt wurden, die ethische Beliebigkeit von Hagens’ („andere Länder, andere Sitten“), die vollständige, schnelle und möglichst stillschweigende Verdinglichung und Anonymisierung menschlicher Leichname sind nicht nur pietätlos – vielmehr öffnen sie der Barbarei eine Einbruchspforte in die Welt der Lebenden.”

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